Das Vertiko der Großmutter steht endlich im eigenen Wohnzimmer, und ausgerechnet die linke Tür bleibt zu. Kein Schlüssel, nirgends. Wer alte Möbel erbt oder auf dem Flohmarkt kauft, kennt diese Situation: Der Sekretär hat eine verschlossene Klappe, in der Kommode klemmt eine abgesperrte Schublade, und der kleine Schlüssel mit dem geschwungenen Kopf ist irgendwann in den vergangenen fünfzig Jahren verloren gegangen. Manchmal weiß niemand mehr, ob es ihn überhaupt je gab.
Warum sich alte Möbelschlüssel meist problemlos ersetzen lassen
Dass Möbelschlüssel verschwinden, hat System. Sie sind klein, sie stecken selten dauerhaft im Schloss, und bei jedem Umzug wandern sie in irgendeine Schachtel, die nie wieder geöffnet wird. Bei Erbstücken kommt dazu, dass der Schlüssel oft gar nicht mit übergeben wird. Er liegt dann in einer Vase im aufgelösten Haushalt, während das Möbelstück längst drei Wohnungen weitergezogen ist. Händler auf Antikmärkten verkaufen viele Stücke von vornherein ohne Schlüssel, weil die Konvolute beim Ankauf schon unvollständig waren.
Die gute Nachricht: Kaum ein verlorener Schlüssel lässt sich so leicht ersetzen wie der eines Möbelstücks. Die meisten Schränke, Kommoden und Sekretäre aus der Zeit zwischen etwa 1870 und 1960 tragen sogenannte Buntbartschlösser, und deren Schlüsselformen sind weitgehend standardisiert. Deshalb lässt sich ein Möbelschlüssel nachmachen, ohne dass das Original noch existieren muss. Ein Foto vom Schloss oder vom Schlüsselloch reicht häufig aus, um die passende Form zu bestimmen, und die Bestellung funktioniert inzwischen komplett über das Internet. Auch gut sortierte Schlüsseldienste vor Ort haben für gängige Buntbartformen Rohlinge auf Lager. Der Ersatz kostet in beiden Fällen wenige Euro und ist damit deutlich billiger als jede andere Lösung.
Um zu verstehen, warum das so unkompliziert geht, lohnt ein Blick in das Schloss selbst. Ein Buntbartschloss hat im Inneren nur eine oder zwei Zuhaltungen, also bewegliche Teile, die der Schlüsselbart beim Drehen anheben muss. Entscheidend sind allein die Form des Bartes, die Länge des Schafts und der Durchmesser der Bohrung im Schlüsselrohr. Die Hersteller der Gründerzeit und der folgenden Jahrzehnte fertigten nach immer denselben Maßreihen, sodass sich die Vielfalt in Grenzen hält. In der Praxis öffnet ein einziger alter Schlüssel deshalb oft gleich mehrere Möbel im Haus. Hohe Sicherheit war nie das Ziel dieser Schlösser. Sie sollten Schubladen vor neugierigen Kindern und zufälligen Blicken schützen, nicht vor Einbrechern.
So findet man den passenden Schlüssel für ein altes Möbelschloss
Wer genauer wissen will, was im eigenen Möbel verbaut ist, zieht die Schublade darüber heraus oder schaut von innen in den Korpus. Aufgeschraubte Kastenschlösser sitzen sichtbar auf der Innenseite der Tür und lassen sich mit zwei Schrauben abnehmen. Einlassschlösser stecken dagegen in einer ausgestemmten Tasche im Holz und zeigen nach innen nur eine schmale Metallplatte. Für die Schlüsselsuche macht das kaum einen Unterschied, für den späteren Ausbau schon: Das Kastenschloss nimmt man einfach ab und zum Vergleich mit, beim Einlassschloss genügt das Foto vom Schlüsselloch.
Genau daraus ergibt sich der erste und billigste Lösungsweg: ausprobieren. In vielen Familien existiert irgendwo ein Bund mit alten Möbelschlüsseln, im Werkzeugkasten, in der Krimskramsschublade oder bei den Eltern im Keller. Auf Flohmärkten werden ganze Konvolute alter Schlüssel für ein paar Euro verkauft, und die Chance, dass einer davon passt, ist erstaunlich hoch. Wer vergleichen will, misst am vorhandenen Fach die Höhe des Schlüssellochs und schaut auf die Bartbreite. Passt der Bart durch das Loch und lässt sich der Schlüssel ohne Gewalt drehen, ist das Schloss meist schon offen.
Schloss öffnen, Schlüssel nachmachen oder das Schloss austauschen?
Vom Gegenteil, also von Gewalt, ist bei alten Möbeln dringend abzuraten. Ein Schraubenzieher zwischen Schublade und Korpus hinterlässt Druckstellen im Holz, aufgestemmte Türen reißen das Furnier mit heraus, und ein aufgebohrtes Schloss ist unwiederbringlich zerstört. Bei einem Möbelstück aus dem Baumarkt mag das verschmerzbar sein. Bei einem Jugendstilsekretär mindert jede dieser Spuren den Wert, und zwar dauerhaft. Restauratoren betonen immer wieder, dass gerade die originalen Beschläge und Schlösser einen erheblichen Teil des Sammlerwerts ausmachen. Ein Möbelstück mit ausgetauschtem Schloss und frischen Bohrlöchern erzählt seine Geschichte nur noch halb.
Steckt tatsächlich etwas Wichtiges in einem verschlossenen Fach und kein Probierschlüssel passt, ist der Weg zum Fachmann die sauberste Lösung. Ein Tischler oder Restaurator öffnet ein Buntbartschloss in aller Regel zerstörungsfrei, oft in wenigen Minuten. Danach lässt sich das Schloss mit zwei Schrauben ausbauen und als Muster verwenden. Wer das geöffnete Schloss oder ein scharfes Foto davon hat, bekommt den passenden Schlüssel angefertigt und kann das Originalschloss wieder einsetzen. Das Möbel bleibt unangetastet, das Fach ist wieder benutzbar, und der neue Schlüssel wandert dieses Mal hoffentlich an einen festen Platz.
Ein komplett neues Schloss ist dagegen die letzte Option, nicht die erste. Neue Kastenschlösser kosten zwar nur wenige Euro im Beschlägehandel, aber sie passen selten exakt in die alten Aussparungen. Dann wird gestemmt und nachgebohrt, und das ursprüngliche Schlüsselloch stimmt nicht mehr mit dem neuen Schloss überein. Bei Möbeln ohne Sammlerwert spricht nichts dagegen. Bei allem, was älter als siebzig oder achtzig Jahre ist, lohnt vorher die Frage, ob ein nachgefertigter Schlüssel das Problem nicht eleganter löst als ein Schlossaustausch.
Sonderfälle bei jüngeren Möbeln und Tipps gegen verlorene Schlüssel
Ein Sonderfall sind Möbel aus der Nachkriegszeit und jüngere Büromöbel. Ab den Sechzigerjahren verbauten viele Hersteller Zylinderschlösser mit Zackenschlüsseln, wie man sie von Briefkästen kennt. Auf diesen Schlössern ist fast immer eine Nummer eingeprägt, entweder auf dem Zylinder oder auf dem verbliebenen Zweitschlüssel. Mit dieser Nummer lässt sich der Ersatz direkt bestellen, weil sie die exakte Schließung bezeichnet. Wer einen Rollcontainer oder einen Aktenschrank mit verlorenem Schlüssel besitzt, sollte also zuerst mit der Taschenlampe nach dieser Prägung suchen, bevor er über andere Wege nachdenkt.
Bleibt die Vorbeugung, und die kostet nichts. Jeder vorhandene Möbelschlüssel verdient ein Foto im Handy, am besten zusammen mit dem Möbelstück, zu dem er gehört. Wer mehrere alte Schränke besitzt, beschriftet die Schlüssel mit kleinen Anhängern, wie man sie aus dem Schreibwarenhandel kennt. Vor einem Umzug hat sich ein alter Spediteurstrick bewährt: Der Schlüssel wird mit Klebeband innen im zugehörigen Fach befestigt, dann kann er unterwegs weder herausfallen noch in der falschen Kiste landen. Und solange das Original noch da ist, ist ein Zweitschlüssel schnell und günstig angefertigt. Nach dem Verlust dauert es eben ein paar Tage länger.
Am Ende ist ein fehlender Möbelschlüssel eines der dankbarsten Probleme, das ein altes Möbelstück haben kann. Wurmlöcher, gerissenes Furnier oder fehlende Beschläge verlangen nach teurer Restaurierung. Der verschwundene Schlüssel dagegen verlangt nach einem Foto, ein wenig Geduld und ein paar Euro. Die verschlossene Tür des geerbten Vertikos muss also niemanden nervös machen. Sie ist kein Defekt, sondern nur eine offene Frage mit einer sehr alten, sehr standardisierten Antwort.
